Das Geld im Fluss halten

Die aktuelle Krise legt es nahe, sich zumindest theoretisch mit weiteren Möglichkeiten zu befassen, das Geld im Fluss zu halten.

Silvio Gesell war wohl der erste, der den Mut besessen hat, die überkommene Konstruktion unserer Zahlungsmittel zum einen vorurteilsfrei und gründlich zu untersuchen und zum anderen die überkommene Form (und z.B. auch die damals für unverzichtbar gehaltene Golddeckung) des Geldes in Frage zu stellen. Sein Schwerpunkt lag auf der Sicherung des Geldumlaufs (genauer: der Konstanthaltung der Umlaufsgeschwindigkeit), um damit die Bildung von Krisen zu vermeiden (Gesell hatte als Handelsvertreter in Südamerika mehrere derartige Krisen miterlebt - und im Gegensatz zu manchen Wirtschaftswissenschaftlern seiner Zeit erfolgreich überstanden). Seine Überlegungen führten gleichzeitig und letztendlich automatisch aber auch zur Untersuchung der Institution des Zinses und zu einer intensiven Beschäftigung mit Verteilungsfragen.

Gesell's Vorschlag – von J.M. Keynes im übrigen ausdrücklich gewürdigt – läuft darauf hinaus, den liquiden Mitteln, also den Geldscheinen, eine Gebühr zur Sicherung des Geldumlaufs aufzuerlegen.

Mit der sogenannten Wära (einem „Notgeld“ bzw. einer Parallelwährung mit einem Vorläufer ab 1926, ab 1929 unter der Bezeichnung „Wära“) wurde dieser Vorschlag umgesetzt; die Geldscheine bzw. „Tauschbons“ waren auf der Rückseite mit Feldern versehen, in die regelmäßig zur Wiedervervollständigung des Nennwertes Gebührenmarken eingeklebt werden mussten. Diese Marken mussten gegen Geld erworben werden, pro Monat musste so ein Wertschwund von 1 Prozent des Nennwertes ausgeglichen werden (nach heutiger Ansicht sollte ein Schwund von etwa 3-4 Prozent ausreichen).

Auch wenn heute modernere Formen der Abwicklung vorstellbar sind, eignet sich die Wära, um die Wirkunsgweise zu erläutern:

Für alle Menschen, die gerade genug (oder auch zu wenig) verdienen, um ihren Lebensunterhalt aus ihren Einnnahmen zu bestreiten, entstehen begrenzte und zufällig auftretende Kosten, nämlich dann, wenn sich Geldscheine gerade zu dem Zeitpunkt in ihren Händen befinden, zu dem die Wertmarken fällig werden.

Interessant wird der Fall dann, wenn nach Bestreitung der Konsumbedürfnisse Geld übrig bleibt, im landläufigen Sinne also „gespart“ wird: dann bewirken die Gebühren, dass eine Hortung, d.h. das Liegen-lassen der liquiden Mittel, ökonomisch unattraktiv ist. In der Begrifflichkeit von Keynes: auch liquides Geld hat plötzlich Durchhaltekosten zu tragen. Wer Geld übrig hat, wird dieses also

- entweder trotzdem bzw. zusätzlich für Konsumzwecke ausgeben (warum nicht z.B. für Kulturveranstaltungen?)

- oder verschenken (wozu auch z.B. die Aufwendungen zu zählen sind, die an Kinder fliessen !),

- oder, weil der eigene Bedarf bereits gedeckt ist (sonst könnte man ja eben nicht „Horten“ oder „Sparen“), verleihen - also den Gegenwert von einer liquiden in eine weniger liquide Form (z.B. ein Sparbuch) umtauschen; in der Regel dürfte dies durch eine Bank vermittelt werden. Eine entscheidende Änderung gegenüber dem aktuellen System ist, dass gesparte liquide Mittel auch dann zur Leihe angeboten werden, wenn der Leiher dafür keinen oder nur einen niedrigen (kleiner als die Höhe der Liquiditätsverzichtsprämie) Zins bezahlen will oder kann. Dieser Fall tritt vor allem dann ein, wenn ein steigendes Angebot an Geldvermögen nach Anlage sucht; ein Kreditangebot, das heute in dieser Form entweder nicht auftritt - weil die Mittel ohne Schaden liquide gehalten werden können (wodurch aber Nachfrage ausfällt !) -, oder sich vor allem auf spekulativen Märkten wieder findet (weil hier zumindest kurz- bis mittelfristig die spekulativ erzielbaren Renditen höher sind als die in der realen Welt noch erzielbaren bzw. monetär realisierbaren Grenznutzen).

Diesen Überlegungen werden nun möglicherweise schnell massive Sorgen entgegengehalten, dass eine solche „Beschleunigung“ des Geldumlaufs zu einem verschärften Wachstum bzw. zu einem theoretisch unbegrenztem Anheize des Konsums führen würde: die Menschen würden ja gezwungen oder angeregt, ihr Geld möglichst schnell wieder auszugeben.

Dies ist, wie sich bei genauerem Nachdenken zeigt, jedoch aus verschiedenen Gründen nicht so:

1. Es gibt verscheidene, jedoch mindestens einen guten Grund, Kapital auf die Seite zu legen, selbst wenn sich dieses Kapital nicht verzinst und sich daher nicht „von selbst“ vermehrt (eine Formulierung, die wohl zu den unverschämtesten und irreführendsten Formulierungen der Welt gehört): jeder rational denkende Mensch wird, wenn er kann, für Zeiten vorsorgen, in denen er seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten kann, wie z.B. in Krankheitszeiten oder im Alter; allein dies ist Motivation genug, in besonders produktiven Lebenszeiten Geld „auf die Seite zu legen“ bzw. heute zu verleihen und so einen Anspruch zu erwerben, dieses Geld später bei Bedarf wieder zurück zu erhalten.

2. „Geld ausgeben“ bewegt sich (sieht man von spekulativen „Anlagen“ ab) grundsätzlich zwischen konsumtiven Ausgaben und investiven Anlagen – Waren und Dienstleistungen (und damit Ressourcen und Energie) werden bei beiden Verwendungsmöglichkeiten hergestellt. Die heutige zinsgesteuerte („kapitalistische“) Verwendung von gespartem Geld lenkt das gesparte Geld jedoch bevorzugt in investive Anlagen (nur diese können die nötige Rendite auch erwirtschaften). Diese Lenkung bedeutet aber, dass zu dem in jedem Fall auftretenden Verbrauch von Ressourcen zusätzlich noch eine für die Ressourcen ungünstige Hypothek für die Zukunft tritt: ein Zuwachs an Kapital (an Stelle der alternativen rein konsumtiven Verwendung) bedeutet, dass dieses neue Sachkapital auch „beschäftigt“ werden und sich „rentieren“ muss – dies geschieht in Form eines Ausstoßes von produzierten Gütern in der Zukunft, die in der Menge den alternativ aufgetretenen Konsum heute um ein Vielfaches übersteigen werden.

3. Es gibt ein hochwirksames Korrektiv, das die befürchtete unbegrenzte Ausweitung des Konsums beschränkt: dies ist die Arbeits- bzw. die Lebenszeit der Menschen. Sofern nicht Kapitaleinkommen das System verzerren, basieren Einkommen auf dem Verkauf der Arbeitskraft dieser Menschen – und diese ist durch die Lebenszeit wie durch die körperlich und psychisch pro Tag leistbare Arbeitszeit begrenzt.

Letztendlich stellt eine Umlaufgebühr lediglich sicher, dass die Güter und Dienstleistungen, die in einem Geldumlauftakt hergestellt wurden, im nächsten Geldumlauftakt (wenn z.B. Löhne und Gehälter bezahlt wurden) auch vollständig wieder „geräumt“ werden - nicht mehr und nicht weniger.

In der aktuellen Krise, die mit dem Keynes'schen Begriff der „Liquiditätsfalle“ wohl am zutreffendsten beschrieben wird, wäre die Entwicklung einer Geldumlaufgebühr das Mittel der Wahl, um den Liquiditätsstau aufzulösen.

Keynes hat ein derartiges System zumindest für den internationalen Zahlungsverkehr vorgeschlagen: sein „Bancor“ (bei dem Gebühren bzw. eine Art zu zahlender Zins auch für zu große Guthaben bei der Weltbank angefallen wären) konnte sich in den Verhandlungen in Bretton Woods jedoch nicht gegen die Vorstellungen und die Interessen der Amerikaner an der Beibehaltung des kapitalistischen Systems und des Dollars als internationalem Zahlungsmittel durchsetzen. Die Welt sähe heute vermutlich etwas anders aus – auch wenn Keynes wohl letztendlich der Mut fehlte, auch für nationale Zahlungsmittel eine Umlaufsicherung bzw. die richtige Form der Abschöpfung des Liquiditätsvorteiles zu entwickeln.


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Zuletzt geändert am 06.01.2010